Vor 25 Jahren: Roman Herzog proklamiert den Holocaust-Gedenktag

Lange verdrängten die Deutschen die Schrecken des Holocaust. Mit seiner historischen Entscheidung gab Bundespräsident Herzog dem Gedenken einen Rahmen.

Bundespräsident Roman Herzog spricht 1999 am Holocaust-Gedenktag im Bundestag.Foto: picture-alliance/dpa

Die historische Tragweite der Entscheidungen oder öffentlichen Reden prominenter Politiker lässt sich oft erst im Rückblick erkennen. Aus dem Augenblick heraus scheint bedeutend, was sich 20 oder 30 Jahre später als eher wenig folgenreich erweist. Anderes entfaltet eine Wirkungsmacht, die die Zeitgenossen nicht sehen konnten oder wollten.

Der Name des 2017 verstorbenen, ehemaligen Bundespräsident Roman Herzog ist mit der so genannten „Ruck-Rede“ verbunden, in der er im April 1997 forderte, es müsse ein Ruck durch Deutschland gehen. Über dessen Notwendigkeit wurde viel gesprochen, erfolgt ist er erst fast ein Jahrzehnt später in der Ära Schröder.

Eine Entscheidung von historischer Tragweite war hingegen jene Proklamation Roman Herzogs, mit der er am 3. Januar 1996, vor nunmehr 25 Jahren, den 27. Januar zum Gedenktag an den Holocaust festlegte. Am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee die letzten Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz befreit. Die erschütterten sowjetischen Soldaten fanden noch 7000 überlebende Gefangene. 1,1 Millionen ihrer Leidensgenossen waren in den Jahren zuvor vor allem in Auschwitz-Birkenau ermordet worden, die meisten Juden, aber auch Polen, Roma, Russen, sowjetische Kriegsgefangene. Dass in der fast ganz Europa erfassenden Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zwischen 1939 und 1945 sechs Millionen Juden umgebracht worden waren, wusste zum Zeitpunkt der Befreiung von Auschwitz keiner der Sieger.

Hitlers Ausrottungspläne vor dem Überfall auf Polen

Die herrschenden Nationalsozialisten und die ihnen ergebene SS und andere willige Gefolgsleute hatten aber die Ausrottung der europäischen Juden und anderer von ihnen als minderwertig eingestufter Menschen bereits sehr früh zum Ziel erklärt. Wir wissen heute, dass Adolf Hitler am 22. August 1939, also wenige Tage vor dem Überfall auf Polen, führende Offiziere der Wehrmacht in Zivil auf den Obersalzberg bestellt und ihnen erläutert hatte, wie er sich die Ausrottung der gesamten polnischen Intelligenz vorstellte.

Tatsächlich wurden bereits in den ersten vier Wochen der deutschen Militärverwaltung in Polen 13000 Menschen hingerichtet. Allein aus Polen wurden 1,2 Millionen Menschen zur Zwangsarbeit verschleppt. Spätestens seit diesem frühen Zeitpunkt war klar, dass die Wehrmacht bei der Ermordung der europäischen Juden und der gesellschaftlichen Eliten der unterworfenen Völker eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Die zweifellos viel brutalere und skrupellosere SS allein hätte dieses Massenmordprogramm nicht organisieren können.

Wehrmachtsausstellungen beendeten die Amnesie

Die Deutschen verdrängten nach dem Krieg diese frühe Verstrickung des bis dahin als untadelig verklärten Militärs lange. Erst die von konservativen Kräften massiv bekämpften Wehrmachtsausstellungen der neunziger Jahre beendeten diese kollektive Amnesie. Die nicht mehr zu leugnenden Wahrheiten hatten die gesellschaftliche Wirklichkeit verändert.

Roman Herzog als Bundespräsident machte sich die Anregung von Ignatz Bubis, dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, zu eigen, an einem bestimmten Gedenktag an den Holocaust zu erinnern. Der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz schien dem Bundespräsidenten als Symbol für den letztlichen Sieg des Rechtes und der Menschlichkeit über Terror und Hass geeignet. Am 19. Januar 1996 begründete er in einer ersten Gedenkstunde vor dem deutschen Bundestag seine Überlegung so: „Die entscheidende Aufgabe ist es heute, eine Wiederholung – wo und in welcher Form auch immer – zu verhindern. Dazu gehört beides: die Kenntnis der Folgen von Rassismus und Totalitarismus und die Kenntnis der Anfänge, die oft im Kleinen, ja sogar im Banalen liegen können.“ Seit 2005 ist der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz auf Beschluss der Vereinten Nationen der Internationale Holocaust-Gedenktag.

Quelle: Tagesspiegel Autor: Gerd Appenzeller am 01.01.2021

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