Der erste Stolperstein für Bergkirchen


Ingo Harmening recherchiert seit 20 Jahren / Eine Aktion gegen das Vergessen / Gedenkstunde am 22. November

Dieser Eintrag wird bereitsgestellt durch Schaumburger Wochenblatt |

BERGKIRCHEN/BAD REHBURG (jan). Ein erster Stolperstein für eine durch die Nationalsozialisten verfolgte und ermordete Jüdin soll am 22. November in Bergkirchen verlegt werden. Die Initiative geht auf den Bergkirchener Ingo Harmening zurück und es wird der erste Stolperstein in der Samtgemeinde Sachsenhagen sein.

Ein Gespräch über Hintergründe, Erkenntnisse und die Überzeugung, dass es notwendig ist, an dieses Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern. Herr Harmening, Sie setzen sich schon sehr lange mit der Geschichte der Juden in Ihrem Wohnort auseinander. Harmening: Ja, der Anfang meiner Recherchen liegt wohl schon 20 Jahre zurück. Damals wurde innerhalb eines Dorferneuerungsprogramms eine Häuserkartei erstellt – und ich wurde darauf aufmerksam, dass es hier einmal ein „jüdisches Haus“ gab. Harmening: Ich wusste nun, dass in meiner Straße einmal die jüdische Familie Busack gelebt hat. Daraufhin habe ich in Archiven begonnen zu recherchieren und auch ältere Bergkirchener befragt. Die Ergebnisse füllen mittlerweile mehr als nur einen dicken Aktenordner und das nicht nur zu Jeanette Busack, für die wir hier im November einen Stein verlegen lassen werden. Intensiv habe ich nach allen Familienmitgliedern geforscht und herausgefunden, dass der überwiegende Teil von ihnen von den Nazis ermordet wurde.

Harmening: Zunächst habe ich – das liegt rund 15 Jahre zurück – in der Kirchengemeinde angeregt, das Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege um eine Gedenktafel für diese jüdische Familie zu ergänzen. Dieser Versuch ist aber im Sande verlaufen. Und danach hat meine Arbeit zunächst geruht. Harmening: 2014 las ich, dass in Rehburg-Loccum Stolpersteine verlegt werden sollen. Einige davon vor einem Haus, in dem auch der Sohn von Jeanette, dessen Frau und Tochter zur NS-Zeit lebten. Dass dieser Teil der Familie dorthin gezogen war, hatte ich in der Zwischenzeit herausgefunden. Ich ging also zu der Verlegung und lernte die Freundin der Tochter, Paula Freundlich, kennen. Die beiden Mädchen haben von 1937 bis 1939 unter einem Dach in Bad Rehburg gelebt. Paula konnte nach England fliehen und überlebte. Herta Busack musste bleiben und kam ins KZ. Mit dem Rehburg-Loccumer Stolperstein-Arbeitskreis bin ich dann vor einem Jahr ins Gespräch gekommen, nachdem er in Rehburg eine Geschichtswerkstatt eröffnet hatte. Und dann hatten wir plötzlich die Idee, gemeinsam Stolpersteine verlegen zu lassen für die Familie Busack – in Bergkirchen und in Bad Rehburg. Harmening: Aber sicherlich! Wir haben uns prima ergänzt. Während ich meine Recherche-Ergebnisse mitbringen konnte, hat der Arbeitskreis sein Wissen zu der Organisation von Stolperstein-Verlegungen eingebracht. Da gibt es vieles zu beachten von den Inschriften der Steine bis hin zur Musik, die gespielt werden soll. Und gemeinsam haben wir noch viel mehr über die Familie erfahren – beispielsweise haben wir entfernte Verwandte gefunden, die in Deutschland leben und von diesem Teil ihrer Familiengeschichte nahezu nichts wussten.

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Harmening: Nun, zunächst das Schicksal von Jeanette. Sie hat den größten Teil ihres Lebens in Bergkirchen verbracht, hatte einen guten Leumund und dann wird sie mit ihren mehr als 80 Jahren in ein KZ verschleppt! Besonders bitter war es auch, von einer anderen Enkelin von Jeanette zu lesen, Grete Cohn. Sie lebte ebenfalls in Bergkirchen und Bad Rehburg, hat dann nach Hannover geheiratet. Sie war schon schwanger, als sie 1941 ins Ghetto Riga deportiert wurde. Mit ihrem kleinen Sohn, der dort im Ghetto geboren wurde, kam sie 1943 nach Auschwitz. Alles deutet daraufhin, dass Mutter und Sohn sofort in die Gaskammer geführt wurden. Harmening: Da muss ich zunächst unserem Gemeinderat ein dickes Lob aussprechen. Im März waren wir – also der Rehburg-Loccumer Arbeitskreis und ich – bei einer Sitzung des Rates. Wir brauchten doch die Genehmigung, einen Stolperstein in das Pflaster der Straße setzen lassen zu dürfen. Der Gemeinderat hat sich nicht nur einstimmig dafür ausgesprochen, sondern sich im Nachgang auch noch ausführlich über die Familie und das Projekt informiert. Zur Verlegung wird übrigens Bürgermeister Joachim Schwidlinski die Moderation übernehmen. Schön ist auch, dass die Musik an diesem Tag von einer Gruppe aus der Kirchengemeinde kommen wird. Wir sind da im Gespräch mit George Kochbeck. Harmening: Nein, auf keinen Fall. Ich möchte, dass ein bleibendes Zeichen an diese Familie erinnert und zwar genau hier in Bergkirchen. Erinnert werden soll damit. Und gemahnt werden. Damit wir aufmerksam sind, Zeichen erkennen und nicht zulassen, dass so etwas noch einmal geschehen kann. Harmening: Ich erhoffe mir, dass sich Menschen interessieren. Dass sie nachfragen. Und dass dieser Teil unserer Geschichte auch hier wieder ins Bewusstsein gerät. Und ich hoffe, dass diese Verlegung nicht die letzte hier sein wird.

Zu einigen weiteren Familienmitgliedern recherchiere ich noch und fände es gut, wenn sie auch Steine bekämen. Schön wäre es, wenn die Initiative auf andere Orte der Samtgemeinde ausgeweitet würde. Etwa nach Sachsenhagen, wo die Synagoge war und wo noch die Reste des jüdischen Friedhofs sind, auf dem auch Angehörige der Familie Busack beigesetzt wurden. Dort ist die Grundschule nach einem jüdischen Mädchen – Gerda Philippsohn – benannt. Und auch in Hagenburg gab es Juden. Auf einige Mitstreiter aus Bergkirchen hoffe ich ebenso. Ich freue mich über jeden, der mitmachen möchte. Herr Harmening, viel Erfolg und vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch. Sie leben seit 1965 in Bergkirchen und sind unter anderem in der Feuerwehr aktiv. Die jüdische Geschichte des Ortes ist niemals thematisiert worden? Harmening: Nein, darüber wurde nicht geredet. Erst als ich anfing nachzufragen, wurde klar, dass durchaus noch Erinnerungen daran vorhanden sind. Wie haben Sie Ihre Recherchen denn begonnen? Wie sind Sie dann weiter verfahren? Welches war Ihr Ziel? Und woran liegt es, dass nun ein Stolperstein verlegt wird? Geht das denn? Über die Landkreisgrenzen hinweg? Was hat Sie persönlich bei den Recherchen denn besonders berührt? Wie wird es bei Ihnen in Bergkirchen denn aufgenommen, dass nun ein Stolperstein verlegt werden soll? Und nachdem der Termin im Gemeindebrief angekündigt worden ist, sprechen mich nun vermehrt auch Menschen aus dem Dorf darauf an. Viele finden es gut, manche meinen allerdings auch, man solle die Vergangenheit doch ruhen lassen. Dieser Ansicht sind Sie nicht? Was erhoffen Sie sich denn jetzt mit der Stolperstein-Verlegung? Wie soll es weitergehen? Was sind Stolpersteine? Der Künstler Gunter Demnig hat in den 1990er Jahren mit dem Projekt „Stolpersteine“ begonnen und bislang in 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern Europas solche Steine verlegt – kleine, mit Messing überzogene Steine, die in die Gehwege vor den letzten freiwillig gewählten Wohnstätten von Opfern der Nationalsozialisten gelegt werden. Auf den Steinen steht „Hier wohnte…“. Ein Name, einige Lebensdaten und das Schicksal folgen. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ zitiert Demnig aus dem Talmud. Das ist es, was ihn antreibt. Einladung zur Gedenkstunde Der Stolperstein für Jeanette Busack wird am Freitag, 22. November, 15.30 Uhr, Bergkirchener Straße 13 in Bergkirchen verlegt. Gegen 16 Uhr folgen die Stolperstein-Verlegungen für Erich, Else und Herta Busack in Bad Rehburg, Alte Poststraße 13. Im Anschluss sind alle Teilnehmer zu Gesprächen und Suppe in die „Romantik Bad Rehburg“ eingeladen. Weitere Informationen zur Familie Busack sind auf der Website www.stolpersteine-rehburg-loccum.de hinterlegt. Foto: jan

Bericht aus dem Schaumburger Wochenblatt vom 18.09.2019

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