Der Platz für Rechtsextreme wird eng: Telegram löschte zahlreiche Kanäle

Langsam wird es eng für Rechtsextreme auf populäreren Plattformen. Vor kurzem begann Twitter damit, die Konten bekannterer Personen und Gruppierungen aus dem Millieu zu sperren. Dabei traf es auch Martin Sellner, das Gesicht der österreichischen Identitären. Auch Facebook hatte, nach viel Kritik an seiner Moderation, eine Reihe von Seiten und Gruppen stillgelegt.

Das Logo der mittlerweile gelöschten Neonazi-Gruppe „Terrorwave Refined“.
Foto: Screenshot

Seit geraumer Zeit hat die Rechtsaußen-Szene daher schon Telegram für sich entdeckt. Der ursprünglich in Russland gegründete, aber mittlerweile von Großbritannien aus betriebene Messenger zeichnet sich mit Verschlüsselung und, damit verbunden, einem hohen Grad an Anonymität aus. Einschlägige Communities konnten sich dort etablieren und ihre Fans auf die Plattform lotsen. Genutzt wird Telegram auch gerne von Verschwörungstheoretikern wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann, die immer wieder auch an rechtsextremen Ideen anstreifen.

Viele Neonazi-Gruppen entfernt

Doch wie es aussieht, bröckelt nun auch diese Bastion, schreibt Wired. Eine Reihe von berüchtigten Gruppen aus dem angloamerikanischen Raum wurden kürzlich ohne Vorwarnung geschlossen. Die bekannteste unter ihnen dürfte „Terrorwave Refined“ sein. Der Sammelpunkt für Neonazis und anderen potenziell militanten Rechtsextremen hatte gegen Ende Juli fast 6000 Mitglieder und diente auch als Knotenpunkt zwischen anderen Szene-Kanälen. Die Gruppe beinhaltete die Adressen verwandter Gruppen und bescherte ihnen über Werbepostings neue Teilnehmer.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Gruppe gelöscht wurde. Diesmal ging Telegram allerdings besonders gründlich vor und entfernte auch gleich mehrere Backup-Kanäle, die als Ausweichort im Falle der Entfernung dienen sollten. Terrorwave Refined unterhält Verbindungen zum ukrainischen Azov Batallion, einer ukrainischen Neonazi-Vereinigung und der ebenfalls neonazistischen Atomwaffen Division aus den USA. Ebenfalls gelöscht wurden die Misanthropic Division, die als der militante Flügel des Azov Batallion gilt, sowie eine satanistisch orientierte Neonazigruppe namens „Rapekrieg“.

Auch Administratoren anderer Kanäle meldeten Löschungen. Einigen von ihnen wurde zudem das Recht entzogen, Kanäle zu gründen oder Nachrichten in Gruppen zu posten.

Verzweiflung

Neben den üblichen kämpferischen Ankündigungen sorgten die Stilllegungen aber auch für erste Verzweiflungsakte. Der Gründer der Terrorwave-Gruppen schrieb eine Belohnung dafür aus, ihm den Kanal wiederherzustellen. Durch die rechtsextreme Gemeinde verbreiteten sich Aufrufe, Backups anzulegen und sich auf etwaige weitere „Säuberungen“ vorzubereiten.

Telegram ist eine der letzten Rückzugsorte, an denen sich rechte Extremisten in größerem Umfang organisieren konnten. Eine Reihe kleinerer Plattformen, allen voran Gab und Parler, bieten Ausweichmöglichkeiten, die allerdings wesentlich weniger Reichweite haben. Gegenüber dem relativ neuen Parler gibt es viele Vorbehalte, man fürchtet unter anderem, dass es sich eigentlich um ein getarntes Überwachungsprojekt handelt.

Alternativen werden rar

Gab, einst gegründet als „Auffangbecken“ für von Reddit und 4chan verbannten Rechtsextremen, konnte in den vergangen Jahren keine Breitenwirksamkeit entfalten. Gründer Andrew Torba versuchte zudem lange, sich die Gunst der US-Republikaner zu sichern und zeigte sich auch als Verfechter von Donald Trump. Seit einiger Zeit, speziell seit mehrere Vertreter der Partei offene Empfehlungen für Parler aussprachen, steht er mit der „Grand Old Party“ allerdings auf Kriegsfuß.

Allerdings hat Telegram noch aufzuholen, zumindest im deutschsprachigen Raum. Zahlreiche problematische Inhalte, etwa die Videoaufnahmen der Attentaten von Christchurch und Halle, sind leicht auffindbar. Zudem werden rechtsextreme Inhalte nach einer Meldung in nur rund einem von zehn Fällen entfernt, wie jüngst eine Studie ermittelte. (gpi, 12.07.2020)

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